Deutsche Version des in der spanischen Zeitschrift Oficio y Arte erschienenen Artikels 88/2006
Als Keramik-Experte im Einsatz in Nepal
Der Auftrag
Ein kleines Inserat im Mitteilungsblatt der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Keramik weckte mein Interesse: « gesucht: Experte für Keramikprojekt in Nepal ». Darauf hin rief ich die Zentrale von Swisscontact an, eine regierungsunabhängige Organisation welche in der technischen Entwicklungszusammenarbeit tätig ist und dieses Inserat aufgegeben hatte. Gesucht war ein erfahrener Keramiker der den Glasursitz auf dem lokalen Scherben optimieren, die Härte des Scherbens verbessern und die Produktion steigern konnte. Die „Nepal Ceramics Cooperative Society“, eine Genossenschaft von 42 Töpfereien mit über 500 Angestellten im Tal von Katmandu/Nepal hatte das Expertengesuch formuliert. Das tönte spannend und technisch sehr interessant für mich. Nach einigen Abklärungen wurde meine Kandidatur gut geheissen.Interessiert und sehr neugierig machte ich mich, noch in der Schweiz, an die Vorbereitungen: Analysieren und Testen von zugesandten Tonmustern, ein Versuch die vor Ort verwendete Fritten-Glasur nachzubilden, Kontaktaufnahme mit Glasurspezialisten, Nachlesen von Fachliteratur sowie das Studium nepalesischer Kultur welche ich überhaupt nicht kannte. Der Ton schien perfekt. Die Verwendung einer bleifreien Alkali-Bor Glasur welche in Nepal handwerklich gefrittet wurde, erwies sich als problematisch bei einer Glattbrandtemperatur von nur 1020°C. Auch die Kommunikation mit den nepalesischen Kollegen (in Englisch und per E-Mail) kam sehr schnell an eine Grenze. Deshalb schien mir die Zeit gekommen die Arbeit vor Ort weiter zu führen. Mein Aufenthalt war auf 4 Wochen begrenzt und er wurde verschiedene Male wegen religiösen Zeremonien und traditionellen Festtage verschoben. Februar 2005: König Gyanendra entlässt die Regierung und reisst die Vollmacht im Himalajastaat an sich. Das Keramikprojekt hing nur noch an einem dünnen Faden. Schlussendlich entschied die lokale Vertretung von Swisscontact und gab grünes Licht. Im Tal von Katmandu schien die Lage ruhig.
Ankunft in Thimi
Der Empfang war herzlich, und ich konnte sofort einen Augenschein in die Büros der Genossenschaft in Thimi werfen, und in der Nähe liegende moderne Keramikwerkstätten besichtigen. Das Stadtzentrum war voll von Töpfereien welche traditionell nach alter Väter Sitte arbeiteten. Auf jedem Platz rauchte ein offener Ofen und viele Hinterhöfe wurden als Brennstofflager für Reisstroh und Heu genutzt. In dunklen Erdgeschossen erspähte ich ältere Männer welche auf zementgefüllten Lastwagenreifen Töpfe drehten, oder sie schlugen in einem zweiten Arbeitsgang deren Gefässwände dünner. Aus den Obergeschossen hörte man Webstühle schlagen. Der ganze Ort schien handwerklich tätig. Auf der Strasse waren die Frauen mit dem Dreschen und Einbringen der Weizenernte beschäftigt. Am Boden sitzend in einer dicken Staubwolke, umrundet von Kleinvieh, Hühnern und einer in Lumpen gehüllten Jungmannschaft. All dies entsprach meiner Vorstellung des Mittelalters, nur die knatternden Motorräder passten nicht ins Bild. Mein Auftrag richtete sich aber nur an die jüngere Generation von Töpfern welche glasierte Ware herstellt und sich in einer Genossenschaft zusammengeschlossen hat. Der deutsche Entwicklungsdienst (DED) in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), startete 1980 im Nahe gelegenen Bhaktapur, ein sehr umfassendes Entwicklungsprojekt. Neben der Erhaltung der traditionellen Architektur, der sanften Tourismusförderung war auch die vor Ort verankerte Keramiktradition ein wichtiges Element davon.Das Projekt fing ganz von vorne an und untersuchte die lokalen Rohstofflager, entwickelte eine passende bleifreie Glasurfritte, baute Öfen zur Herstellung der Fritte und das Brennen der Ware, enwickelte leistungsfähige Wasserdampf-Brenner für Kerosin, elektrische Töpferscheiben und vieles mehr. Diese Arbeit wurde von sehr erfahrenen Keramikern getan unter Verwendung der lokalen Materialien und speziell auf die Bedürfnisse von Nepal zugeschnitten. So wurde während 10 Jahren eine ganze Generation von Töpfern ausgebildet und geprägt, viele dieser Personen leiten heute die neueren Werkstätten. Die nächsten Tage verbrachte ich mit dem Besuch von Werkstätten der Genossenschaftsmitglieder. Mit Hilfe eines Fragebogens notierte ich systematisch alle technischen Details und auch die Erwartungen an mich. Dies war hochinteressant.Von der Tonaufbereitung bis hin zu den Brennverfahren, die Professionalität der Werkstätten variierte sehr stark.Was mich aber sofort erstaunte, war die Abwesenheit von Kontrollmechanismen oder Entwicklungswerkzeugen. Nirgends ein Glasurrezept, eine Brennprobe oder ein Ofenprotokoll.Ausgenommen vom Ton, welcher jede Werkstatt selber einkauft oder herstellt, ist die wichtigste Gemeinsamkeit der Werkstätten der Einkauf einer Glasurfritte. Die Genossenschaft schmilzt diese aus Rohmaterialien aus Indien und China in einem durchlaufenden Fritteofen zusammen und vermahlt dann das Glasgemenge zu einem Glasurmehl. Ausserdem beziehen alle Mitglieder die keramischen Rohmaterialien und Farbkörper, sowie Werkzeuge und Ofenmaterial von der Genossenschaft. Die Erwartungen der Genossenschaft waren klar: härterer Scherben, besserer Glasursitz (Haarrissfrei), Erhöhung der Produktivität sowie die Erschliessung von neuen Absatzmärkten in Europa, Japan, Australien und Amerika. Dies sollte ohne Investitionen weder finanzieller, noch personeller Art geschehen. Ein wohl unmögliches Unterfangen.
Eine erste Analyse
Zu aller erst verglich ich die Aussagen der Werkstätten, welche an Hand des Fragebogens zusammengetragen wurden, mit der Angaben der Genossenschaft. Die erste Überraschung, war das die Realität, überhaupt nicht mit den Aussagen der Genossenschaftsleitung übereinstimmte. Und ich hegte immer mehr den Verdacht das man mir nicht immer die ganze Wahrheit sagte. Die Zusammensetzung und Herkunft des Tones war sehr unterschiedlich von einer Werkstatt zur anderen und die Glattbrandtemperatur unterschied sich bis zu 150°C. Die verschiedenen Rohmaterialien (recht schwierig zu unterscheidende weisse Pulver) lagerten chaotisch aufgeschichtet in nicht angeschriebenen Säcken aufeinander. Einige kamen aus China, dasselbe Produkt einer anderen Lieferung aus Indien. Ein Blick in den Computer der Genossenschaft, zeigte mir, das auch in der Betriebsführung die totale Unordnung herrschte. Damit aber nicht genug, denn auf keiner Stufe der Produktion der Fritte (Zusammensetzung, Schmelztemperatur, Mahlzeit) wurde je etwas protokolliert, und auch vor dem Verkauf wurde das Glasurmehl niemals auf einer Probe getestet.Aus technischer Sicht ist es schlicht unmöglich in dieser weiten Temperaturspanne um 1000°C, eine bleifreie transparente Glasur für Engobemalerei, Haarrissfrei und perfekt auf verschiedene Scherben passend, herzustellen.Um mehr in Erfahrung zu bringen, versuchte ich frühere Experten zu kontaktieren. Im Zeitalter von Internet eine leichte Sache. Innert 24 lagen Antworten früherer Experten aus aller Welt bereit. Die Meldungen gingen von: „in einem Monat bringst du’s ohnehin zu nichts, profitier doch einfach von Nepal!“ bis zu sehr differenzierten Äusserungen hinsichtlich Entwicklungszusammenarbeit, und technischen Hinweisen. Alle früheren Experten hatten solche Momente selbst durchlebt und für mich waren diese Rückmeldungen von unabhängigen Fachleuten in diesem Moment sehr hilfreich.
Versuchsreihen
Jetzt war mir klar wie ich die restlichen 3 Wochen Zeit optimal nutzen konnte. Produktion und Ofenführung waren soweit problemlos und durch kleine Verbesserungen und Kontrolle konnte viel erreicht werden. Priorität lag, wie von der Genossenschaft verlangt, in der Scherbenfestigkeit, dem Glasursitz und er allgemeinen Qualität der Transparentglasur. Was den Ton betrifft, konnte durch einfache Versuchsreihen ermittelt werden, ob ein Talkum- oder Kreidezusatz Verbesserungen ergeben könnte. Was die eigene Glasurfritte anging hatte ich das Gefühl das die Genossenschaft darauf Bestand die Produktion weiterzuführen. Dies trotz der hohen Entstehungskosten. Meine Vorschläge die eigene Glasurfritte durch ein günstigeres, regelmässigeres, in Indien hergestelltes Industrieprodukt zu ersetzen, wurden denn auch systematisch und ohne wirklichen Grund abgewiesen.Die hatte die heikle Aufgabe meinen „Auftraggeber“ mitzuteilen, das die Betriebsführung und die Lagerhaltung der Genossenschaft unzulänglich sei und das einige Probleme mit Sicherheit davon ausgehen dürften. Beim Aufräumen und Suchen nach Testergebnissen früherer Einsätzen stiess ich dann auf ein wertvolles Dokument: die Zusammenfassung 10-jähriger Arbeit des Deutschen Keramikprojektes. Dieses Buch stand wohl seit 10 Jahren am Verstauben in der Bibliothek der Genossenschaft. Alle Rezepte und Analysen verschiedener Tonsorten, Glasuren und Engoben waren darin vereint. Sogar Bauanleitungen für Öfen oder Drehscheiben waren aufgeführt und nicht zuletzt fand ich dieselben eben selbst fertig gestellten Testreihen und deren Auswertung! Also alles nochmals gemacht?
Kommunikation und Wissen
Die Töpfergenossenschaft war offensichtlich nicht in der Lage dieses Wissen zu verwalten oder zu verbreiten und die von erfahrenen Experten empfohlenen Verbesserungen auszuführen. Oh, je! Was sind wohl die Gründe dafür? Das Kriegsgeschehen im Lande, das Kastensystem, die Armut und das tiefe Bildungsniveau oder eine anhaltende erwartende Haltung gegenüber dem Westen sind wohl einige Anhaltspunkte für eine sicher komplexe Antwort. Mir selbst blieb nicht mehr viel übrig als meine Testreihen gründlich zu dokumentieren. Und die daraus resultierenden Vorschläge allen Mitgliedern der Genossenschaft einfach, klar und verständlich direkt in Papierform zukommen zu lassen. Um die Lektüre zu erleichtern, habe ich Bilder in den Rapport eingebaut und kleine, erreichbare und zeitlich gestaffelte Ziele definiert. Ein Jahr nach meinem Einsatz erkundige ich mich per E-Mail über den neusten Stand der Dinge bezüglich der abgegebenen Empfehlungen. Es konnte mir keine eindeutige Antwort gegeben werden. Ja, gewisse Ratschläge würden befolgt und vielversprechende Projekte seien im Gang, hiess es. Dennoch glaube ich nicht ganz recht an diesen Optimismus, der wohl nicht ausreichen wird um die vor über zwanzig Jahren eingeführt glasierte Töpferei in Nepal längerfristig zu sichern und weiterzuentwickeln.
Schlussfolgerungen
Zitat von Ken Bugul , Schriftstellerin aus Senegal « Entwicklungshilfe ist die Bevölkerung selbst über die Entwicklung entscheiden zu lassen, Entwicklung ist kein Rezept, sondern eine Wahl. Keine Hilfe ist Entwicklungshilfe »Einige Tatbestände in Nepal sprechen positiv für einen vielversprechenden und gezielten Einsatz von westlichen Mitteln:
Sind das nicht vielversprechende Voraussetzungen für einen optimalen und gezielten Einsatz einer in der technischen Entwicklungshilfe tätigen Organisation? Nach diesen reichhaltigen Erfahrungen zurück im Westen, kümmere ich mich um den Absatz meiner neusten Krügen welche ich im westlichen Tarif herstelle. Ich suche Vertriebspartner dafür, da entdecke ich zufällig in einem, in meiner unmittelbaren Nachbarschaft gelegenen Laden Teekrüge aus Thimi. Aber jetzt hat mich die Globalisierung also vollends erreicht!
Peter Fink,Keramiker und freier keramiktechnischer Berater aus Ependes in der Schweiz. Juli 2006
*Der detaillierte technische Rapport kann auf der Homepage des Autors eingesehen werden : www.potsfink.ch
Internetseiten von Interesse:
In Nepal tätige Organisationen: www.swisscontact.org, www.skat.ch, www.sdc.org.np
Hoempages von Nepalesischen Töpfern: www.pottersnepal.org, www.thimiceramics.com
Nepalesische Handelsorganisationen: www.acp.org.np, www.mahaguthi.org